Nachbarschaftshilfe

Hinweise für Nachbarschaftshilfen in Zeiten des Corona-Virus

 

Liebe Engagierte, liebe Kooperationspartner, Vereine, Kirchengemeinden und Multiplikatoren,

die Gefahr einer Ansteckung mit dem Corona-Virus im Umgang mit anderen Menschen ist groß, so dass das öffentliche Leben in den nächsten Wochen weitgehend zum Erliegen kommt. Neben Kitas und Schulen sind nun auch Geschäfte des Einzelhandels, Cafés und Restaurants, Sportstätten, Kinderspielplätze, Museen, Theater und viele andere öffentliche Einrichtungen bis auf weiteres geschlossen.

 

Die Maßnahmen sollen dazu beitragen, besonders gefährdete Risikogruppen – also kranke und ältere Menschen, Menschen mit gesundheitlichen Vorbelastungen – vor einer Ansteckung zu schützen und die Zahl der Neuinfektionen nicht exponentiell ansteigen zu lassen, sodass unser Gesundheitssystem Infizierte nach und nach behandeln kann und nicht zusammenbricht.

Die empfohlene Vermeidung sozialer Kontakte stellt natürlich insbesondere diese Risikogruppen vor große Herausforderung, zum Beispiel wenn Einkäufe notwendig sind. Engagement in der Nachbarschaft kann helfen, auch wenn hier einiges zu beachten ist, um gesundheitliche oder persönliche Risiken zu vermeiden. Ausgehend von den langjährigen Erfahrungen in der Vermittlung individueller Hilfen und in Absprache mit anderen Akteuren haben wir hier einige hilfreiche Aspekte zusammengestellt.

 

1. Schutzmaßnahmen einhalten

Die Ausbreitung des Corona-Virus kann nur eingedämmt werden, wenn sich möglichst alle an die grundlegenden Empfehlungen von Behörden und Ämtern halten und sich selbst und andere im Umfeld von Ansteckung so weit wie möglich schützen. Hier liefern die Empfehlungen des Robert-Koch-Institutes unter www.rki.de und die der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung unter www.infektionsschutz.de wertvolle Handlungshilfen.

 

2. Aufeinander achten und rücksichtsvoll sein

Das, was eigentlich immer wünschenswert ist, erfährt in Zeiten gesellschaftlicher Herausforderungen besondere Bedeutung: Wir alle müssen aufeinander achten und Rücksicht auf unser Umfeld nehmen. Das hat vielfältige Facetten und beginnt beim Einkauf für den eigenen Bedarf, der auch für andere noch etwas im Regal lässt. Auch die höfliche Nachfrage beim älteren Nachbarn, ob man Besorgungen übernehmen kann, ist ein tolles Angebot, das die Nachbarschaft stärkt und Missbrauch einschränkt. Menschen, die in derselben Straße oder im selben Haus wohnen, können leichter Kontakt schließen und Vertrauen aufbauen als anonyme Nutzer*innen digitaler Plattformen. Wer sich persönlich kennt, kann auch Mail-Adressen oder Handynummern für Notfälle austauschen, ohne Angst haben zu müssen, ausgenutzt zu werden.

 

3. Hilfen in der direkten Nachbarschaft organisieren

Es ist toll, wenn Menschen auch für ihnen fremde Personen Hilfen anbieten. Die Vermittlung persönlicher Hilfen erfordert aber ein hohes Maß an Vertrauen, sowohl bei den Hilfesuchenden als auch bei den engagierten Freiwilligen. Deshalb kann Nachbarschaftshilfe, die Missbrauch und Konflikte verhindern hilft, sinnvoll nicht zentral für eine ganze Stadt organisiert werden. Hilfen sollten dort koordiniert werden, wo sie im überschaubaren nachbarschaftlichen Miteinander benötigt und realisiert werden können – in den Stadtteilen, im Quartier, in der Kirchengemeinde, im Wohngebiet.

 

So hält sich auch die Belastung für die einzelnen koordinierenden Initiativen in Grenzen. Ein Erfahrungsaustausch zwischen verschiedenen kleinen Hilfestrukturen ist natürlich sinnvoll. Sowohl für die Bekanntmachung der jeweiligen Angebote als auch bei der Vernetzung der Akteure steht das Freiwilligenzentrum für Stadt und Landkreis Gießen gern unterstützend zur Verfügung.

 

4. Rahmenbedingungen klären

Jede Initiative oder Gruppe im Stadtteil muss für sich klären, welchen Hilfen angeboten werden können und welche nicht. Aktuell stehen sicher folgende Hilfen für Risikogruppen im Vordergrund:

- Einkaufshilfen zur Grundversorgung

- Gassi-Gehen mit Hunden

- Abholung von Medikamenten in Arztpraxen oder Apotheken

- Kontakte per Telefon, Brief oder Skype zur Vermeidung von sozialer Isolation

Jede Unterstützung erfordert natürlich den Austausch von Informationen und personenbezogenen Daten, die nicht nur wegen der Datenschutzgrundverordnung einen sensiblen und verantwortungsvollen Umgang erfordern. Auch muss vorab überlegt werden, wie genau Hilfen realisiert werden. So kann zum Beispiel vereinbart werden, dass

- keine Einkäufe über 30 Euro Warenwert übernommen werden

- keine (EC-Karten usw.) angenommen werden

- keine Schlüssel zu Wohnungen entgegengenommen werden

- generell keine Daten von Hilfesuchenden, sondern nur die der Freiwilligen

  weitergegeben werden

- die Unterstützung auf der Basis nachbarschaftlicher Hilfe funktioniert, also niemand für  

  falsch eingekaufte Artikel oder ähnliches haftbar gemacht werden kann

- für die erste Kontaktaufnahme zwischen Freiwilligen und Hilfesuchenden über die

  Koordination der Nachbarschaftshilfe Code-Wörter vereinbart werden, um

  missbräuchliche Kontaktaufnahmen zu verhindern

- nach dem ersten Kontakt weitere Einsätze individuell zwischen den Freiwilligen und

  den Hilfesuchenden vereinbart werden

Inwieweit solche Regelungen schriftlich festgehalten und bestätigt werden, muss die Initiative klären. Einheitliche Regeln gibt es dafür in der Nachbarschaftshilfe nicht.

 

5. Helfer*innen gut vorbereiten und begleiten

Gerade aufgrund der bekannten gesundheitlichen Risiken sind umfangreiche Informationen für Helfer*innen zwingend erforderlich. Insbesondere auf folgende Punkte sollten noch einmal hingewiesen werden:

- Der gesundheitliche Eigenschutz steht an erster Stelle. Hygienehinweise sollten

  unbedingt eingehalten werden. Der Verantwortung jedes*jeder Einzelnen ist

  besonders groß.

- Es sollten möglichst nur verpackte Lebensmittel gekauft und Einwegtüten sowie

  Einweghandschuhe beim Einkauf genutzt werden (auch wenn das den sonst vielleicht

  gewohnten umweltschonenden Einkaufsgewohnheiten widerspricht).

- Als Helfer*in kann es sinnvoll sein, nach dem Tandem-Prinzip vorzugehen und nur mit

  einer hilfesuchenden Person in Kontakt zu sein. So wird das Verbreitungsrisiko

  minimiert.

- Persönliche Daten von Hilfesuchenden müssen vertraulich behandelt werden und

  dürfen nicht an Dritte weitergeben werden. Entsprechende Notizen müssen mit

  Beendigung der Hilfe vernichtet werden.

- Wenn Konflikte auftreten, sollte die Koordination der Nachbarschaftshilfe

  hinzugezogen werden.

- Checklisten und Infoblätter für Freiwillige, die mit organisationspezifischen

  Informationen ergänzt werden, verhindern, dass wichtige Informationen verloren

  gehen.

 

6. Vorsicht im Umgang mit digitalen Plattformen und persönlichen Daten

Die Erfahrungen vergangener Jahre mit ähnlich herausfordernden Situationen, die auch durch ein breites freiwilliges Engagement der Bevölkerung bewältigt werden konnten (z.B. Flüchtlingshilfe), lässt erwarten, dass in den nächsten Wochen zahlreiche digitale Plattformen zum Matchen von Hilfegesuchen & Hilfsangeboten entstehen werden. So lobenswert diese Angebote sind, so ist doch dringend Vorsicht geboten, insbesondere wenn persönliche Daten wie Namen, Adressen und Hilfebedarfe abgefragt werden. In jedem Fall sollte geprüft werden, ob ein aussagefähiges Impressum zu finden ist und ob der Anbieter mit Hilfen dieser Art Erfahrung hat. Über einen Kontakt per Mail oder Telefon sollte gegebenenfalls nachgefragt werden, wie mit erfassten Daten verfahren wird und wer bei Rückfragen oder Konflikten zur Verfügung steht.

 

Letztlich gilt: Für alle ist die aktuelle Situation neu und herausfordernd. Nicht immer kann vollumfänglich abgeschätzt werden, welche Folgen der nächste Schritt nach sich zieht. Aber nichts tun ist auch keine Option. Deshalb sind wir alle gefordert, solidarisch und achtsam miteinander umzugehen. Nutzt die wegen abgesagter Veranstaltungen und geschlossener Einrichtungen frei gewordene Zeit, um Gemeinschaft und Zusammengehörigkeitsgefühl zu stärken. Dann ist auch die Corona-Krise zu bewältigen.

 

 

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